Ausnahmesituation

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Blumen am Tatort im Aarauer Schachen. Bild: SRF/Wilma Hahn

Es gibt Tage, die man nicht so schnell vergisst. Der 30. August 2026 ist für die Regionalredaktion Aargau Solothurn so ein Tag. An jenem Sonntag schiesst ein Mann im Aarauer Schachen auf Dutzende Menschen, die sich nach einer Techno-Party auf den Heimweg machen.

Später wird die Polizei mitteilen, dass der 43-Jährige über 40-mal auf die Menschenmenge geschossen und dabei eine 22-jährige Frau getötet und sechs weitere Menschen verletzt hat. Doch das weiss man alles noch nicht, als am frühen Sonntagmorgen die ersten Meldungen eintreffen. «Grosseinsatz Aarau, aktuell unklare Situation» lautet die erste Information der Polizei an die Medien um 5:32 Uhr.

Ein Blaulicht-Reporter, der für SRF arbeitet, ist um diese Zeit bereits vor Ort, verständigt den Newsroom in Zürich, dieser wiederum weckt die «Chefin vom Dienst» (CvD) und diese dann den Produzenten der Regionalredaktion Aargau Solothurn. Genau für solche Fälle gewährleisten wir, dass wir rund um die Uhr erreichbar sind. Ist das Büro in Aarau nicht besetzt, hat immer jemand Pikett und ist in Bereitschaft.

An jenem Morgen hat Bruno Pikett und macht sich nach Absprache mit der CvD auf den Weg nach Aarau. Der Redaktionsleiter ist ebenfalls bereits wach und verständigt. Auch wenn man noch nicht viel weiss, ist doch schon absehbar, dass sich dieser Sonntag anders entwickeln wird als gewöhnliche Sonntage.

Um 5:40 Uhr informiert die Polizei die Öffentlichkeit auf X: «Aarau: Nächtliche Schüsse bei Veranstaltung im Schachen. Mehrere Opfer. Grosseinsatz der Polizei läuft. Bleiben Sie dem Gebiet fern». Gleichzeitig werden im SRF-internen Teams-Kanal «Breaking News» die ersten Infos zwischen den Redaktionen ausgetauscht und Absprachen zwischen den Journalistinnen und Sendungen getroffen. Am Ende des Tages werden es fast 200 Einträge sein.

Um 6:45 kann der Blaulichtreporter ein erstes Radio-Interview mit einem Polizeisprecher nach Zürich übermitteln. Nach 7 Uhr treffen unser TV-Korrespondent Mario und unser Radio-Korrespondent Alex ein. Die Verantwortlichen des Fernsehens beschliessen bereits, eine mögliche Medienkonferenz der Polizei live im Internet zu übertragen. Um 8 Uhr ist zu erfahren, dass auch ausländische Medien wie RTL oder Welt TV nach Aarau unterwegs sind.

Berichterstattung von ausländischen Medien, Beispiel Bild-Zeitung, Foto: Screenshot

Vor Ort geht es jetzt darum, Informationen zu sammeln, mit Anwohnerinnen und Anwohnern zu sprechen (wobei SRF das immer sehr zurückhaltend macht), sich mit der Polizei auszutauschen und zu verfolgen, was andere Journalisten schreiben. Jemand will 11 Krankenwagen gezählt haben. Sich selbst einen Eindruck zu verschaffen ist schwierig, das Gelände ist grossräumig abgesperrt, SRF-Mitarbeitende halten sich an solche Absperrungen.

Die zweite TV-Korrespondentin Wilma trifft in Aarau ein. Von der Regionalredaktion stehen nun vier Personen im Einsatz, eine im Studio und drei am Ort des Geschehens. Weitere melden sich und bieten ihre Hilfe an.

Unsere Reporter sind auf unvorhersehbare Einsätze vorbereitet. Die Ausrüstung mit den wichtigsten Gerätschaften für «Mobile Journalism» liegt griffbereit, die Handys sind stets aufgeladen. Nicht vorbereiten kann man sich aber auf den Moment, in dem man erfährt, dass man ausrücken muss. Ein Spontan-Einsatz am Sonntagmorgen bedeutet, dass man die Familie am Frühstücks-Tisch zurücklässt, den versprochenen Besuch beim Gotti-Kind absagt, oder den geplanten Ausflug mit Freunden sausen lässt.

Um 9 Uhr wird entschieden, dass SRF im Fernsehen um 12:52 Uhr eine Sondersendung bringt mit einer Live-Schaltung nach Aarau zu Korrespondent Mario. Wilma bereitet sich derweil auf eine andere Live-Schaltung vor: Sie soll bei BBC auftreten – auf Englisch. Ein Fernseh-Interview in einer Fremdsprache ist auch für eine erfahrene Regionaljournalistin nicht alltäglich. Während sich Wilma den Text zurechtlegt, wird bekannt, dass vor Nordzypern eine Fähre mit mehr als 260 Passagieren gekentert ist und mindestens acht Menschen ums Leben gekommen sind. BBC verliert das Interesse an Aarau und sagt die Live-Schaltung wieder ab.

Die 3 Aussen-Reporter der Regionalredaktion im Einsatz: Wilma Hahn, Mario Gutknecht, Alex Moser (mit Helm und E-Bike). Selfie von Wilma Hahn/SRF

Korrespondent Alex ist mit dem E-Bike unterwegs. Stündlich versorgt er die Radio-Nachrichten mit den neusten Informationen. Unsere Reporter beliefern auch die Online-Redaktion in Zürich mit kurzen Videos und Fotos, damit die Artikel auf der SRF-News-App laufend aktualisiert werden können. Und sie kümmern sich zusammen mit den Kameraleuten um den Live-Stream des mittlerweile angekündigten «Point de Presse» um 14 Uhr, eine kleine Medienkonferenz im Freien.

Auch Journalisten und ihre Kameraleute aus der Westschweiz und aus dem Tessin sind nach Aarau gekommen und nutzen die Infrastruktur der Regionalredaktion, WC und Kaffeemaschine. Produzent Bruno fungiert als Schnittstelle zwischen Redaktionen, Sendungen, Sprachregionen. Und auch die Regionalredaktion Basel wird involviert, jemand befragt Bundesrat Beat Jans zum Ereignis.

Es gilt auch publizistische Diskussionen zu führen. Am Nachmittag veröffentlichen italienische Medien den Lebenslauf des Todesopfers. Was bringen wir bei SRF, welche Bilder zeigen wir, welche Namen nennen wir, ist das Wort «Schiesserei» zutreffend? CNN titelt: «Manhunt underway after deadly shooting at rave in Switzerland».

Es ist ein langer Tag für die Reporterin und die Reporter der Regionalredaktion. Normalerweise hat an einem Sonntag eine einzige Person einen 5-Stunden-Dienst. Jetzt stehen vier Personen den ganzen Tag im Einsatz. Man tut, was zu tun ist, die Stunden zählt niemand, gegessen wird fliegend, wenn überhaupt.

Um 18 Uhr verschiebt sich die Journalistenschar nach Schafisheim. Die Polizei veranstaltet dort eine Medienkonferenz. Mittlerweile ist auch ein Team eines arabischen TV-Senders eingetroffen, ein anderes aus Paris soll in acht Stunden nach Aarau gefahren sein.

Es ist schon dunkel, als unser Team die Erlaubnis bekommt, den Tatort zu besichtigen. Dort, wo wenige Stunden zuvor geschossen wurde und Menschen um ihr Leben bangten. Nochmals werden Aufnahmen gemacht und Fotos übermittelt, bevor schliesslich zu später Stunde alle nach Hause fahren.

Blumen am Tatort im Aarauer Schachen, Foto: SRF

Der 30. August 2026 – ein Tag, den wir nicht so schnell vergessen werden. Denn seien wir ehrlich: Wenn wir Journalisten über ausserordentliche Ereignisse berichten, sind wir in unserem Element. Es fühlt sich gut an, nah am Geschehen zu sein und das erhöhte Informationsbedürfnis der Bevölkerung bedienen zu können. Es ist aufregend, wenn man nicht weiss, wie sich ein Tag entwickelt. Aber – und das ist wichtig – wir wissen auch stets um die Tragik dessen, was geschehen ist. Eine junge Frau ist ums Leben gekommen, das erschüttert auch uns. Wir sind dankbar, wenn nach einem solchen Tag auch wieder Ruhe einkehrt in der Region. Wir sind froh, wenn es nicht an jedem Sonntag zu einer Ausnahmesituation kommt.

Text: Marco Jaggi, Leiter SRF Regionalredaktion Aargau Solothurn

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