Besuch im rollenden Klassenzimmer
Es ist Mittwochabend, kurz nach Feierabend am Bahnhof Brugg. Auf dem hintersten Gleis steht ein ganz spezieller Zug. Fünf Wagen in einem auffällig anderen Design. Diese Wagen gehören zum Schul- und Erlebniszug der SBB. Seit mehr als 20 Jahren tourt dieses rollende Klassenzimmer durch die Schweiz, an jährlich etwas mehr als 10 Bahnhöfen macht es halt. So auch in Brugg. Gut zwei Wochen steht der Zug da und empfängt Kinder und Jugendliche im Alter von 11 bis 16 Jahren zusammen mit ihren Lehrpersonen.
In den gut zweieinhalbstündigen Sessions werden sie zu Themen wie Sicherheit, nachhaltige Energienutzung, Mobilität, Berufswahl und Fake News aufgeklärt.
Heute Abend ist es etwas anders. Eine altersdurchmischte Gruppe Erwachsener, Mitglieder der SRG Aargau Solothurn und weitere Interessierte, warten gespannt. Gekommen sind sie für die Besichtigung des Fake News-Wagen. Vor zwei Jahren wurde dieser eingeweiht. Er entstand aus einer Kooperation zwischen SBB und SRG mit dem Ziel, die Medienkompetenz der Jugendlichen zu fördern.
Und dann gehts auch schon los. Moderator und Projektleiter René Weisskopf führt die Gruppe in einen bunten, kleinen Raum. Sie soll sich so hinstellen, damit die Kamera ein „Klassefoto“ schiessen kann. Schmunzelnd und noch etwas scheu stehen die Teilnehmenden zusammen und lächeln. Ahnungslos von dem, was danach passiert.
Durch eine automatische Schiebetüre gelangt die Gruppe in den nächsten Raum, rot gedimmtes Licht und mehrere grosse Bildschirme erwarten sie bereits. Und sogleich erfahren die Teilnehmenden, was mit dem Klassenfoto passiert ist: Es wurde in den sozialen Medien weiterverbreitet und in verschiedenen, falschen Kontexten verwendet. Beispielsweise wird behauptet, die Klasse würde das Quartier terrorisieren.
So schnell wie sich das Klassenfoto mit den Falschnachrichten im Netz verbreitet, so schnell wird auch der Gruppe bewusst, mit welcher Realität die jungen Menschen heutzutage konfrontiert sind und wie wichtig Aufklärung diesbezüglich ist.
Der nächste Raum erinnert an eine Quizsendung. Zwei mal zwei Buzzer, ein roter und ein grüner, treppenartige Sitzgelegenheiten mit Blick auf zwei grosse Bildschirme. Sobald es sich die Teilnehmenden bequem gemacht haben, erscheinen auf den Screens zwei SRF-Moderatoren. Sie erklären, wie Fake News funktionieren, was sie mit uns Menschen und unseren Emotionen machen. Das Merkwort REAL soll bei der Erkennung von Fake News helfen und die Verbreitung verhindern.
Alle aufgepasst? Ein Quiz testet die Gruppe, die nun in vier Untergruppen unterteilt ist. Auf den grossen Bildschirmen werden verschiedene Posts und ein Video aus den sozialen Medien gezeigt. Die Teilnehmenden sollen besprechen und entscheiden, ob der Post echt ist oder nicht und den entsprechenden Buzzer drücken.
Es ist wohl der Moment an diesem Abend, an dem die Mitspielenden in die eigenen Schulzeiten zurückkatapultiert werden. Es herrscht aufgeregte Stimmung, in den Gruppen wird eifrig diskutiert und entschieden. Roter oder grüner Buzzer? Ein paar Minuten später folgt die Lösung. Die Mitspielenden sind erleichtert, dass sie erfolgreich wahre von falschen Online-Posts unterschieden haben.
Projektleiter René Weisskopf beantwortet anschliessend die kritischen Fragen der Teilnehmenden. Und dann gehts auch schon in den nächsten Wagen. Empfangen wird die Gruppe von Henriette Engbersen. Sie ist Bereichsleiterin Public Value bei der SRG und hat gemeinsam mit einem Projektteam den Fake News-Wagen vor etwas mehr als zwei Jahren mitentwickelt.
Als ehemalige Grossbritannien-Korrespondentin weiss sie nur zu gut, wie Fake News, vor allem auch in politischen Debatten, die Menschen beeinflussen können. Sie hat die Zeit um den Brexit vor Ort erlebt und illustriert an eindrücklichen Beispielen, welche Folgen Falschnachrichten haben können.
Ein weiterer Blick in die Geschichte zeigt: Jedes Mal, wenn ein neues Medium erfunden wurde, sei es der Buchdruck, das Radio oder das Fernsehen, nutzte man es sofort auch für Falschinformationen, die schlagartig ein riesiges Publikum erreichten. Mit dem aktuellsten Kapitel, der Künstlichen Intelligenz, erreicht dieses Phänomen eine völlig neue Dimension. Umso wichtiger ist es, gerade die jüngere Generation für den kritischen Umgang damit stark zu machen.
Eindrücklich zeigt Henriette Engbersen zudem auf, dass auch unser Bedürfnis nach Zugehörigkeit zu einer Gruppe die Verbreitung von Fake News begünstigen kann. Manche Menschen identifizieren sich so stark mit einer bestimmten Gruppe, dass sie dazu neigen, Fakten auszublenden oder sogar die Realität zu leugnen.
Mit all diesem Wissen und den neuen Erkenntnissen macht sich die Gruppe schliesslich zur anderen Seite des Bahnhofes auf. Im Garten des Odeons warten ein feiner Apéro und anregende Gespräche auf die Teilnehmenden. In entspannter Atmosphäre lassen sie den lauschigen Sommerabend gemeinsam ausklingen.