«Die SRG erinnert mich stark an das politische Gefüge der Schweiz»

Seit Mai 2024 arbeitet Meret Jäggi als Vorstandmitglied der SRG Aargau Solothurn mit. Im Portrait-Interview zeigt sie Parallelen zu ihrer Arbeit auf und sagt, was sie damals an der Arbeit angesprochen hat.

Was hat dich bewogen, dich damals auf die Ausschreibung der Vorstands-Vakanzen zu bewerben?

Es war in erster Linie pure Neugier. Ich war schon immer ein grosser Fan bestimmter Formate und sah darin die Chance, einen Blick hinter die Kulissen zu werfen. Gleichzeitig reizte mich die Möglichkeit, Inputs aus einer Perspektive einzubringen, die beruflich nichts mit Medien zu tun hat – also ein bewusster «Blick von aussen», vielleicht etwas nüchterner und weniger emotional geprägt.

Welche Bedeutung hat aus deiner Sicht die SRG?

Die SRG erinnert mich stark an das politische Gefüge der Schweiz insgesamt. In einem vergleichsweise kleinen Land vier Sprachregionen abzudecken, bedeutet einen enormen administrativen und organisatorischen Aufwand. Dennoch identifizieren sich viele stark mit der Schweiz als Ganzes. Der Kantönligeist ist präsent, ebenso wie die Vielzahl kultureller Einflüsse und Mentalitäten, denen man gerecht werden möchte. Das ist eine anspruchsvolle Aufgabe – die im internationalen Vergleich bemerkenswert gut funktioniert.

Wie sieht dein persönlicher Medienkonsum aus?

Ich konsumiere Nachrichten hauptsächlich online. Podcasts und Musik höre ich über Spotify, Filme und Serien über verschiedene Plattformen wie diverse Streaminganbieter, YouTube oder Play SRF. Inhalte der SRG nutze ich ebenfalls regelmässig: SRF News gehört für mich zum Alltag, und ich bin eine grosse Anhängerin von Barbara Bleisch und dem Format Sternstunde Philosophie. Auch die zahlreichen Dokumentarfilme schaue ich sehr gerne, ebenso Formate wie SRF Virus. Besonders schätze ich neuere Schweizer Serienproduktionen wie «Frieden», «Davos» oder «Winter» sowie hochwertige Schweizer Filme wie «Die göttliche Ordnung», «Die goldenen Jahre» oder «Heldin». Generell bin ich ein grosser Fan der Arbeiten von Petra Volpe. Auch Sportanlässe verfolge ich bevorzugt auf SRF. Zudem schaue ich gelegentlich auch Sendungen wie «Kassensturz» oder «Puls» zeitversetzt, wenn mich ein bestimmtes Thema oder Produkt interessiert.

Gibt es eine Verbindung zwischen dem, was Du beruflich machst, und dem sogenannten Service public?
Wenn man auf die Grundversorgung anspielt, damit eine Gesellschaft gut funktioniert – absolut. Gleichzeitig erlebe ich, dass Entscheidungen in den Bereichen Infrastruktur und Energie häufig stärker den Expertinnen und Experten überlassen werden und emotional weniger aufgeladen sind als medienpolitische Fragen. Bei Medienthemen – wie aktuell etwa im Zusammenhang mit der Halbierungsinitiative – hat praktisch jede und jeder eine Meinung, was auch nachvollziehbar ist, da es alle betrifft. Bei Infrastruktur- oder Energiethemen wäre eine ähnlich breite Meinungsbildung grundsätzlich ebenso wünschenswert, scheitert jedoch oft an der technischen Komplexität. Meiner Ansicht nach erfordern beide Bereiche einen vergleichbaren Aufwand, um sich eine fundierte Meinung zu bilden.

Zudem kennst Du die Funktion als Mittlerin: Du bist als Verkaufsingenieurin die Verbindung zwischen Ingenieur:innen und Kund:innen. Welche Qualitäten und Fähigkeiten brauchst Du da?
Zentral ist für mich, dass am Ende alle Beteiligten vom Gleichen sprechen und sich fair behandelt fühlen. Als Verkaufsingenieurin verstehe ich die Fachspezialist:innen, ihren Perfektionismus und den hohen Anspruch an ihre Arbeit. Gleichzeitig kenne ich aber auch die Budgetrealitäten der Kund:innen, die nicht immer die «nonplusultra»-Lösung zulassen. Optimalerweise finden wir jedoch Lösungen, die beides zulassen, indem die beste Lösung auch die effizienteste ist, das sollte immer angestrebt werden. Gerade deshalb sind Kompromissfähigkeit, sehr gutes Zuhören und Offenheit für neue Ideen entscheidend. Ebenso wichtig sind Mut, auch einmal etwas zu wagen, sowie kritisches und vernetztes Denken. Diese Fähigkeiten lassen sich meiner Ansicht nach sehr gut auf die Arbeit für die SRG übertragen.

Und dann ist dein Arbeitgeber Teil eines grossen Konstrukts mit vielen anderen Unternehmen. Ein bisschen wie die SRG mit vier Sprachregionen, fünf Unternehmenseinheiten, Angeboten im visuellen und auditiven Bereich… Gibt’s auch da Parallelen?

Parallelen sehe ich insbesondere in der Komplexität, viele unterschiedliche Strukturen, Standorte, Sprachregionen und Mentalitäten unter einem gemeinsamen Dach zu vereinen. Zentral ist dabei die Frage, wer Entscheidungen trifft und wie diese kommuniziert werden. Ein rein top-down geprägter Ansatz, bei dem Veränderungen ohne ausreichende Einbindung der Mitarbeitenden verordnet werden, macht es schwierig, dass Entscheidungen breit mitgetragen werden. Gleichzeitig ist es unbestreitbar aufwendiger und kostenintensiver, alle Anspruchsgruppen einzubeziehen und einen gemeinsamen roten Faden zu entwickeln, mit dem sich möglichst viele identifizieren können. Genau hier sehe ich auch eine zentrale Aufgabe der SRG: teure Doppelspurigkeiten zu vermeiden, ohne dabei einzelne Regionen oder Perspektiven zu vernachlässigen.

Wie blickst Du auf diese ersten eineinhalb Jahre in der Vorstandsarbeit zurück?

Als ich in den Vorstand eingetreten bin, war die Phase stark von Veränderungen geprägt, unter anderem durch mehrere Neuzugänge. Die Gruppe musste sich zunächst neu finden, und jede Person ihren Platz im Gremium definieren. Zusätzlich fand ein Präsidiumswechsel statt, was die Stabilität nicht einfacher machte. Rückblickend war der Zeitpunkt dieses Wechsels jedoch sehr gut gewählt. Fabian Gressly und Marina della Torre, die sich das Präsidium teilen, leisten hervorragende Arbeit mit viel Enthusiasmus und Engagement. Dadurch befinden wir uns heute an einem Punkt, an dem wir als Team die kommenden Veranstaltungen und Herausforderungen gemeinsam anpacken können. Ich freue mich sehr auf die weitere Vorstandsarbeit und nehme mir bewusst vor, die neuen Mitglieder bestmöglich zu unterstützen, damit auch sie möglich schnell ihren Platz finden, wo sie sich aktiv einbringen können.

Meret Jäggi (*1993) ist Verkaufsingenieurin bei Equans Switzerland und Berufsschullehrerin Automatiker EFZ. Sie lebt in Aarau.

Interviewfragen: Fabian Gressly

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