Mehr Schein als Sein? Die Generationenfrage bei der SRG-Abstimmung
Fast zwei Monate sind vergangen, seit die Schweizer Bevölkerung die SRG-Initiative deutlich abgelehnt hat und damit ein klares Bekenntnis zum medialen Service public abgegeben hat. Entgegen den Prognosen der ersten Umfragen vor der Abstimmung fiel das Resultat am Ende ziemlich deutlich aus. Doch wie steht es um die jungen Stimmberechtigten? Zumal es nicht zuletzt die Jungen waren die für die wichtigsten Argumente der Befürworter*innen hinhalten mussten: Junge Menschen, so hiess es, würden ohnehin keine klassischen Medien mehr nutzen, wodurch insbesondere die SRG-Angebote im Preis-Leistungsverhältnis nicht mehr tragfähig seien. Nach der Abstimmung entbrannte denn auch schnell eine neue mediale Debatte über die Deutung dieses Resultats. Konsequenterweise sollten also auch hier die Generationen unter die Lupe genommen werden. Erste Nachabstimmungsumfragen erlauben inzwischen zumindest teilweise einen Blick in die «Blackbox» der Abstimmungsresultate. Hinweise liefern etwa die repräsentative Erhebung des Instituts Leewas im Auftrag von Tamedia und 20 Minuten sowie die VOX-Analyse von gfs.bern, die im Auftrag der Bundeskanzlei nach jeder eidgenössischen Abstimmung durchgeführt wird.
Noch im Januar schien das Rennen um die SRG-Initiative offen. Eine erste Umfrage des Instituts Leewas deutete darauf hin, dass die Vorlage insbesondere bei jungen Stimmberechtigten auf Zustimmung stiess, sie bildeten die Altersgruppe mit dem klarsten Ja-Anteil. Nur zwei Monate später hatte sich das Blatt jedoch gewendet. Ausgerechnet die Jungen hätten laut Umfragen dazu beigetragen, das knappe Rennen um die «Halbierungsinitiative» auf den Kopf zu stellen. Mit einer Mehrheit von 57 Prozent lehnten sie die Vorlage nun also ab – so zumindest die Prognose.
Das Argument rund um die «matchentscheidenden» Jungen erweist sich im Nachhinein jedoch weitgehend als mehr Schein als Sein. Beide Nachabstimmungsumfragen – auch wenn diese immer mit Vorsicht zu geniessen sind – liefern keine starken Hinweise auf markante Altersunterschiede. Die Differenzen zwischen den Altersgruppen fallen insgesamt gering aus und sind angesichts der statistischen Unsicherheiten kaum aussagekräftig. Zwar zeigt sich in der VOX-Analyse tendenziell die höchste Zustimmung (43 %) bei den 30- bis 40-Jährigen, während die Leewas-Umfrage die stärkste Unterstützung bei den 35- bis 49-Jährigen (42%) verortet. Am deutlichsten fällt die Ablehnung hingegen bei den über 65-Jährigen aus. (Die detaillierten Tabellen finden Sie hier: VOX-Analyse, S.36, Leewas S.25) Entscheidender als das Alter war also im Falle der SRG-Initiative, nebst der üblichen Parteiwahl vor allem das Vertrauen in den Bundesrat, so zumindest die Interpretation aus der Leewas-Umfrage. Wer gegenüber dem Bundesrat kritisch eingestellt ist, wollte das Budget der SRG kürzen, so auch das Fazit der VOX-Analyse. Eine wichtige Rolle spielte zudem das Vertrauen in mediale Institutionen, insbesondere in die Schweizerische Radio- und Fernsehgesellschaft (SRG SSR). Personen mit sehr geringem Vertrauen unterstützten die Initiative deutlich häufiger, während der Ja-Anteil bei hohem Vertrauen entsprechend niedrig ausfiel.
Lange Rede, kurzer Sinn: Eine eigentliche Generationenfrage war die SRG-Abstimmung wohl nicht. Dennoch lässt sich auf qualitativer Ebene festhalten, dass eine Halbierung des Budgets gerade auch die Angebote für eine jüngere Zielgruppe angegriffen hätte. Bereiche wie Kultur, Musik oder Sport, ebenso wie spezifisch auf junge Menschen ausgerichtete Onlineangebote, wären durch die Halbierung stark unter Druck geraten (und könnten es je nach Konzessionsentscheid auch künftig bleiben). Ob dies tatsächlich zu einer stärkeren Mobilisierung junger Stimmberechtigter beigetragen hat, lässt sich nicht abschliessend sagen. So oder so geniesst das SRF-Angebot zumindest unter medieninteressierten jungen Menschen eine hohe Nutzung und Wertschätzung.
Schlussendlich lässt sich festhalten, dass der Volkswille sich klar gegen einen Abbau der SRG richtete und sich damit für eine starke Medienlandschaft in der Schweiz aussprach. Nicht zuletzt dürfte dazu auch die derzeit turbulente weltpolitische Lage beigetragen haben, in der die Pressefreiheit international vielerorts eher Rück- als Fortschritte macht. Insofern bleibt die Generationendebatte für mich relevant, als es darum geht, unabhängigen und qualitativ hochwertigen Journalismus für die nächste Generation zu bewahren. Nicht weil junge Menschen ihn stärker oder schwächer nachfragen als ältere, sondern weil eine funktionierende Demokratie auf ihn angewiesen ist. Und letztlich ist es die junge Generation, die diese Demokratie in Zukunft tragen wird. Nun liegt es am Medienminister Albert Rösti, das Abstimmungsresultat zu interpretieren und bei der Aktualisierung der Konzession für die SRG zu berücksichtigen. Wie diese Auslegung konkret ausfallen wird, hängt wesentlich von den politischen Debatten der kommenden Monate ab. Bis dahin plädiere ich für eine weiterhin vielfältige und breit aufgestellte Medienlandschaft in der Schweiz, um den Journalismus auch für meine Generation langfristig zu stärken.
Jana Heimgartner, Verantwortliche für junge Zielgruppen bei der SRG Aargau Solothurn