Über den Wandel
Ein Sprichwort lautet «Nichts ist so beständig wie der Wandel». Wissen Sie, von wem es stammt? Ich werde darauf zurückkommen.
Sie stimmen mir sicherlich zu, dass wir in einer verrückten Welt leben. Alles ist im Wandel und scheint immer schneller zu gehen. Früher bin ich mit dem Velo auf dem Weg zur Schule an grünen Wiesen vorbeigefahren, mittlerweile ist dort alles überbaut. In meiner Jugend hatte das Telefon noch ein Kabel und war zum Telefonieren, heute zücken wir das Smartphone, um beim Beck das Gipfeli zu bezahlen. Unser Röhrenfernseher hatte drei Sender und keine Fernbedienung, heute sind es mindestens 300 Kanäle und der ultraflache Bildschirm reagiert auf Sprachbefehle. Früher ist man noch ohne Katalysator und Sicherheitsgurt Auto gefahren, heute muss man nicht einmal mehr fahren, das Auto steuert von allein. Und von der rasanten Entwicklung der KI wollen wir erst gar nicht reden. Ja, wir leben in einer verrückten Welt, alles geht immer schneller, keine Generation vor uns hat Vergleichbares erlebt. So jedenfalls kommt es uns vor. Aber stimmt das überhaupt?
Letztes Jahr habe ich Josef Reinhart für mich entdeckt. Zum 150. Geburtstag des Solothurner Heimatdichters und Volksschriftstellers habe ich angefangen, in seinen Werken zu lesen – eine faszinierende Lektüre. Josef Reinhart lebte von 1875 bis 1957. Er war dabei, als in der Region auf den noch ungeteerten Strassen die allerersten Autos herumkurvten und die Pferdefuhrwerke verdrängten. Er bekam mit, wie in Solothurn die allererste Stromleitung in ganz Europa gebaut wurde und Elektrizität plötzlich über längere Strecken transportiert werden konnte. Er erlebte, wie sich in den 1920er Jahren das neue Medium Radio auch in der Schweiz ausbreitete. Wie das Grammophon und die Schallplatte erfunden wurden. Wie der Foxtrott, der deutsche Schlager und die ersten Bananen importiert wurden. Und nicht zuletzt, wie zwei Weltkriege Tod und Elend über die Menschheit brachten.
Einiges könnte man aus heutiger Sicht als aufregend bezeichnen. In der Pionierzeit des Radios wäre ich beispielsweise gerne dabei gewesen. Der rasante Wandel hat aber auch etliche Menschen verängstigt. Viele waren der Ansicht, die Welt sei aus den Fugen geraten und die Entwicklung gehe zu schnell.
Ich finde es tröstlich zu wissen, dass es unseren Vorfahren schon damals so erging wie uns heute. Wenn es mal wieder hektisch wird im Redaktionsalltag, wenn mal wieder mehr neue Mails in den Posteingang gespült werden, als ich lesen kann, wenn im Unternehmen mal wieder eine Reorganisation ansteht und auch noch ein Sparprogramm zu bewältigen ist, oder wenn die Auseinandersetzungen rund um die Halbierungsinitiative mal wieder den letzten Nerv kosten, dann denke ich daran, dass Reinhart und seine Zeitgenossen auch schon den Eindruck hatten, in einer verrückten Zeit zu leben und dass alles immer schneller geht.
Josef Reinhart waren die Umwälzungen übrigens ein Gräuel. Er hatte kein Verständnis dafür, dass Schweizer Bananen essen wollten. Man könne doch essen, was auf heimischen Äckern wachse, schrieb er. Er war dagegen, dass immer mehr Häuser mit modernen Dachziegeln gedeckt wurden statt traditionell mit Stroh, das verschandele das Dorfbild, fand er. Und das Gedudel der Phonographen nervte ihn genauso wie der Ausbau der Eisenbahn. Wegen der ständigen Musik-Beschallung und wegen des Zug-Lärms könne man die Vöglein nicht mehr singen hören, kritisierte er.
Und jetzt also noch zum Sprichwort «Nichts ist so beständig wie der Wandel». Es ist älter, als man meinen könnte. Es stammt vom griechischen Philosophen Heraklit, der um 500 vor Christus lebte. Offenbar hatten die Menschen also bereits vor 2500 Jahren den Eindruck, es ändere sich ständig alles. Mir hilft diese Erkenntnis zuweilen, etwas gelassener auf die Welt zu blicken. Vielleicht ist unsere Zeit ja doch nicht die verrückteste, die es je gab?