Eine ausgezeichnete Radioserie über Schule im Wandel

«Das Ziel war, dass sich Hörerinnen und Hörer eine eigene Meinung bilden können.»

Für ihre Serie über die Zukunft des integrativen Schulmodells hat Fabienne Huber, Redaktorin des Regionaljournals Aargau Solothurn, einen Medienpreis Nordwestschweiz gewonnen. Wir haben nachgefragt, wie sie auf das Thema gekommen ist und wie sie es umgesetzt hat.

«Regi»-Redaktorin Fabienne Huber hat vergangene Woche den Medienpreis Nordwestschweiz in der Kategorie Radio gewonnen. Sie hat die Jury mit einer Serie über die Zukunft des integrativen Modells an Aargauer Schulen überzeugt, die von 29. September bis 3. Oktober 2025 jeweils in der Abendsendung des Regionaljournals Aargau Solothurn ausgestrahlt wurde. Die SRG Aargau Solothurn freut sich mit der Journalistin und gratuliert Fabienne Huber zu diesem Gewinn.

In der Serie wurde der Weg eines Kindes mit Down-Syndrom vor über 20 Jahren in einer integrierten Schulklasse bis zum selbständigen Leben heute aufgezeigt, die Bedeutung von Heilpädagogischen Schulen und von Kleinklassen erörtert, ein erfolgreiches integratives Modell einer Schule in Baden vorgestellt und die politische Debatte rund um die Schulmodelle nachgezeichnet. An der Verleihung beschrieb sie eindrücklich das zunehmende Interesse und die Sicht für die Komplexität des Themas. Mit dem Eintauchen hätten sich stets weitere Felder und Perspektiven eröffnet. Dies erläutert sie uns auch in unserem Interview:

Die Zukunft der Schule ist ein grosses, oft auch kontrovers diskutiertes Thema. Wie ist der Entscheid entstanden, sich dessen in einer Serie anzunehmen?

Fabienne Huber: Auslöser für die Serie war Simon Federer. Der 40-Jährige hat Trisomie 21 und ich kenne ihn schon seit rund 20 Jahren. Dank dem Effort seiner Eltern besuchte Simon damals eine Regelschule und lebt heute bewundernswert selbstständig. Ich habe mich schon immer gefragt, wie viel die integrative Beschulung zu dieser Eigenständigkeit beigetragen hat.

Gab es einen aktuellen Auslöser, dass Du dem nachgegangen bist?

Als im Aargauer Parlament die Einführung von Förderklassen diskutiert wurde, war das für mich der perfekte Moment, um das Thema aufzugreifen. Integration oder Separation – was ist der richtige Weg für Kinder, die aus der Reihe tanzen und einen speziellen Förderbedarf haben? Mein Chef Marco Jaggi hat mir bei der Gestaltung freie Hand gelassen. Darum bin ich einen für mich neuen Weg gegangen und habe die jeweiligen Beiträge sehr «podcastig» gestaltet mit eigenem Soundlayout und jeweils mit einem tönigen Intro und Outro. Das Techniker-Team hat mich dabei enorm unterstützt.

Eine Serie über eine Woche bedeutet, es ist Platz in fünf Teilen. Worauf musstest Du verzichten, worüber Du eigentlich auch gern noch berichtet hättest?

Da hätte es noch viele Aspekte gegeben, die ich gerne noch tiefer beleuchtet hätte oder die ich weglassen musste. Neben den Besuchen in drei verschiedenen Klassen und der Folge mit Simon Federer habe ich ja auch noch mit Personen aus der Politik und der Forschung gesprochen und hatte entsprechend viel Tonmaterial. Gerne wäre ich zum Beispiel noch stärker auf die Frage eingegangen, was eine integrative Beschulung langfristig für einen Effekt hat. Die Forschung zeigt nämlich, dass integrativ beschulte Kinder später eigenständiger sind und finanziell weniger vom Staat abhängig sind. Das konnte ich in der Serie nur am Rande erwähnen.

Womit, denkst Du, konntest Du die Jury überzeugen? Was macht aus deiner Sicht die Serie so einzigartig und – buchstäblich – ausgezeichnet?

Das Ziel meiner Serie war es, die Hörerinnen und Hörer so aufzuklären, dass sie sich eine eigene Meinung zu diesem vielschichtigen Thema bilden können. Ich wollte das Thema nicht vereinfachen, sondern verständlich machen und die verschiedenen Argumente aufzeigen, ohne zu urteilen. Ich denke, das ist mir mit dieser Serie gelungen. Durch die vielen Besuche in den Schulen und bei Simon Federer hatte jede Folge nicht nur viele Informationen und politische Argumente, sondern auch eine gewisse Nähe und Menschlichkeit. Die Jury lobte, dass mir dieser Spagat zwischen Nähe und Relevanz gelungen ist. Noch nie habe ich so viel Herzblut und Effort in ein Radioprojekt gesteckt und dass ich damit mit dem Medienpreis Nordwestschweiz belohnt wurde, ist eine grosse Ehre.

Was wolltest Du dem Publikum mit der Serie vermitteln?

Jeder und jede hat im Umfeld jemanden, der Lehrerin oder Heilpädagoge ist, schulpflichtige Kinder hat oder sonst irgendwie mit dem Schulsystem in Berührung kommt. Das Thema betrifft uns alle. In der Politik wird diese Debatte sehr emotional gefühlt. Die Meinungen gehen oft diametral auseinander. Darum wollte ich das Thema Beitrag für Beitrag aufschlüsseln, sodass sich alle eine eigene Meinung bilden können.

Gibt’s eine Erkenntnis, die Du selbst aus der Arbeit mitgenommen hast?

Ich selbst kam am Schluss zu folgendem Fazit: Die Forschung zeigt, dass die integrative Klasse für alle Kinder das Beste wäre. Aber nur unter den richtigen Voraussetzungen. Angefangen bei der Klassengrösse und deren Zusammensetzung über die personellen Ressourcen bis hin zur Schulkultur. Wo diese Voraussetzungen nicht erfüllt sind, scheint die integrative Klasse häufig ein Krampf zu sein für alle Beteiligten. Das Thema wird uns auf jeden Fall noch lange beschäftigen.

Gabs Rückmeldungen – von Eltern, Lehrpersonen, aus der Politik?

Nach der Ausstrahlung wurde ich von vielen Personen aus meinem Umfeld und auch in der Redaktion darauf angesprochen. Besonders schön war die Rückmeldung des Wissenschaftlers, der im Beitrag als Experte zu Wort kommt. Er lobte meine Serie als die vielseitigste und beste Publikation zu diesem Thema, die er je in der Schweiz gesehen hat. Zudem meldete sich ein pensionierter Lokaljournalist bei mir, den ich zwar nicht persönlich kenne, aber der zu den journalistischen Urgesteinen gehört. Er gratulierte mir zu meiner Serie und lobte meine journalistische Neugierde. Diese schönen Feedbacks bedeuten mir bis heute enorm viel. Sie zeigen, dass es sich lohnt, manchmal diesen extra Aufwand zu betreiben.

Übrigens: SRF wurde in einer weiteren Kategorie ausgezeichnet. Journalistin Rahel Lenz hat fürs «rec.» in ihrer Heimatstadt Olten die zweiteilige Reportage «Endstation Crack» realisiert, die in der Kategorie Video ausgezeichnet wurde. Zur Sendung geht es hier und hier. Die SRG Aargau Solothurn beglückwünscht natürlich alle anderen Gewinnerinnen und Gewinner eines Medienpreis Nordwestschweiz und gratuliert ihnen zu ihrem Beitrag zu qualitätsvollem Journalismus.

Alle Teile der «Regi»-Serie von Fabienne Huber gibt es hier nachzuhören:

Text: Nadia Pfendsack und Fabian Gressly, Vorstand SRG Aargau Solothurn

Weitere Neuigkeiten