Sind Sie auch fit für die Demokratie?

Eine Nachricht aus den letzten Tagen gab SRG-Co-Präsident Fabian Gressly zu denken: «Schön, sind wir die drittsportlichste Nation der Welt. Aber zu welchem Preis?»

Die Nachricht:

Fitnesscenter haben Zulauf, Sportvereine verlieren an Bedeutung (hier)

Das Ergebnis der Studie «Sport Schweiz 2026» des Bundesamtes für Sport liefert viele spannende Zahlen über das Sport- und Freizeitverhalten der Schweizerinnen und Schweizer. Eine davon ist, dass erstmals mehr Menschen Mitglied in einem Fitnessstudio sind als in einem Sportverein. 22 Prozent gehen regelmässig in ersterem ein und aus, während 19 Prozent sich einem Verein verschreiben. (Weitere Zahlen gibt’s hier)

Die Reaktion:

Philip Wiederkehr, Co-Host des SRF-Formats «Debriefing 404» ging dazu folgendes durch den Kopf:

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Die Gedanken dazu:

«Das ganze Gerüst fällt zusammen», findet Wiederkehr und meint damit den sozialen Kitt, der neben dem Zweck eines Vereins – Sporttreiben, Briefmarkensammeln, Funken, Kleintierzucht, Kultur, usw. – bedeutend ist. Klar: Wie es sich für ein zuweilen satirisches Gefäss gehört, sind die Gedanken des SRF-Hosts zugegebenermassen etwas zugespitzt. Und während es in der Studie um Fitness und Sport geht, spannt er den Bogen über die sportliche Betätigung hinaus in die soziale Dimension. Doch so oder so kommt ein Wesensmerkmal des Vereins deutlich zum Ausdruck, das in einer immer stärker segmentierten, individualisierten Gesellschaft auf der Strecke bleibt: Die Begegnung, der Austausch.

Die Schweiz wird gemeinhin als Land der Vereine betrachtet. 100'000 davon soll es hierzulande geben, schätzt das Staatssekretariat für Wirtschaft. Mani Matter widmete dem Verein ein Lied und lotet in gut einer Minute das Wesen des Vereins zwischen dem Kleinkariert-bünzligen und der grossen, gemeinsamen Idee aus. Arg geschichtsklitternd – und für mich in Pathos sowie Geschichtsverständnis eher untypisch (mein staatshistorischer Ankerpunkt ist eher 1848) – könnte man postulieren, dass die Schweiz sogar auf einer Vereinsgründung basiert: Immerhin waren es drei Männer – und so viele brauchte es nach altem Zivilgesetzbuch für die Gründung eines Vereins –, die 1291 auf dem Rütli den Treueschwur leisteten.

Neben der Idee, dem gemeinsamen Interesse, das einen zum Verein führt, gibt es mehr, das ihn ausmacht. Was für Philip Wiederkehr das «Bier im Sternen» ist, ist das Gespräch neben dem eigentlichen Vereinszweck. Und dabei andere Menschen kennen zu lernen. Denn so sehr einen das gemeinsame Interesse an den gleiche Ort führt, so sehr bringt jede und jeder an diesen Ort auch Unterschiedliches mit: ein anderes Alter, ein anderer Beruf, eine anderer Wohn- oder Arbeitsort, um das Offensichtlichste zu nennen. Aber eben auch weitere Interessen, ein anderer Lebensweg, andere Ansichten, eine andere Sozialisierung. Wir erleben in der SRG an jedem Anlass, den wir veranstalten oder an dem wir beteiligt sind, die Vielfältigkeit der Menschen in diesem Land und wir lernen jedes Mal, wie man Dinge betrachten kann. So einen Blick auf unsere Gesellschaft zu erhalten, ist enorm bereichernd, interessant, aufschlussreich. Nicht zuletzt, weil es auch einen anderen Blick auf einen selbst mit sich bringt.

Wenn dieser Blick wegfällt, verlieren wir das Verständnis für das, was um uns herum passiert. Und das ist letztlich eine Gefahr für den Zusammenhalt. Sich begegnen heisst auch miteinander reden. Wie ChatGPT vor einigen Wochen an dieser Stelle für uns festgestellt hat: «Als SRG Aargau Solothurn verstehen wir uns als Teil einer öffentlichen Debatte über die Zukunft unserer demokratischen Öffentlichkeit.» (Hier zum ganzen Artikel). Diese Debatte, dieser Dialog, hat häufig mit Medien zu tun (und wenn, dann meist mit SRF), muss aber nicht.

Zugegeben: Hätte ich diese Zeilen meinem 20 Jahre alten Ich zu lesen gegeben, es wäre längst gelangweilt ausgestiegen. «Vereinsmeier» ist ein Prädikat, das ich mir damals und auch heute so ziemlich zuletzt zugeschrieben hätte. (Und ich verwende den Begriff hier auch nur, weil er im Duden steht.* Es war denn auch nicht der Verein, sondern mein Engagement für guten Journalismus, der mich vor 16 Jahren in die SRG brachte. Doch seither gewinne ich auch zunehmend die Erkenntnis, dass die SRG ein Ort für einen im besten Sinn demokratischen Austausch ist. Wo Menschen zusammenkommen, einander begegnen, sich über vieles austauscht – immer mit Respekt, Offenheit und Neugier. Ein Ort, wie es sie nicht mehr so viele gibt. Ein Ort, der das Gym nicht sein kann, wenn ich kopfhörerbetäubt auf dem Laufband meine Kilometer abspule (was ich übrigens auch eine Weile regelmässig gemacht habe).

Für 20 Franken kann man – auch das klingt wieder ungewohnt pathetisch aus meinem Mund – Teil der Demokratie werden. Denn hier Mitglied zu sein, ist spannend. Nicht nur, weil man viel über Medien erfährt, sondern noch mehr über die Menschen in diesem Land. Das fanden bis dato auch 1399 Personen aus unseren beiden Kantonen und darüber hinaus. Und ich persönlich finde auch, eine Mitgliedschaft bei uns lohnt sich schon allein, um diese 1398 anderen kennen zu lernen. (Mitglied werden kann man übrigens hier)

*«jemand, der sich in übertriebener Form der Betätigung in einem oder mehreren Vereinen widmet»

Text: Fabian Gressly; Co-Präsident SRG Aargau Solothurn

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